Informelles Homeoffice erhöht Präsentismus – feste Regeln senken die Tage

Die Universität Klagenfurt hat am 3. September 2026 eine neue Studie über Homeoffice und Präsentismus vorgestellt. Laut der Mitteilung der Universität Klagenfurt hängt informelle Zusatzarbeit zu Hause mit einer häufigeren Entscheidung zum Arbeiten trotz Krankheit und mit mehr krank gearbeiteten Tagen zusammen; formale Homeoffice-Vereinbarungen gehen dagegen mit weniger solchen Tagen einher.
Die Verben „erhöht“ und „senken“ bezeichnen dabei statistische Unterschiede, keine nachgewiesene Ursache und Wirkung. Die Hauptanalysen beruhen auf zwei Querschnittsstichproben aus einer repräsentativen deutschen Erwerbstätigenbefragung von 2019 und 2021. Sie zeigen, dass nicht Homeoffice als Arbeitsort allein, sondern die formale oder informelle Ausgestaltung mit unterschiedlichen Präsentismus-Mustern verbunden ist.
Informelle Zusatzarbeit zeigt das deutlich ungünstigere Muster

Die Studie trennt formal geregeltes Arbeiten von zu Hause von informeller Zusatzarbeit. Zur ersten Kategorie gehören Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber; die zweite umfasst Arbeit zu Hause ohne oder über eine solche Vereinbarung hinaus. Eine Person kann deshalb regulär im Homeoffice arbeiten und zugleich nach Ende der vereinbarten Zeit weitere Aufgaben informell erledigen.
Bei häufig verlangter Zusatzarbeit lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit, sich trotz Krankheit für das Arbeiten zu entscheiden, in beiden Erhebungswellen um 0,12 beziehungsweise 12 Prozentpunkte höher als bei Beschäftigten, deren Tätigkeit nie solche Zusatzarbeit erforderte. Der Fachaufsatz in Social Science & Medicine weist für diese Gruppen außerdem 1,93 zusätzliche Präsentismus-Tage im Jahr 2019 und 1,57 zusätzliche Tage im Jahr 2021 aus.
Für formales Homeoffice fand die Untersuchung keinen Zusammenhang mit der grundsätzlichen Entscheidung, krank weiterzuarbeiten. In den Querschnittsanalysen war eine Vereinbarung jedoch mit 0,71 weniger Präsentismus-Tagen im Jahr 2019 und 0,76 weniger Tagen im Jahr 2021 verbunden. Damit widersprechen die Ergebnisse der pauschalen Annahme, jede Form von Homeoffice fördere gleichermaßen das Arbeiten trotz Krankheit.
Weniger Tage sind kein bewiesener Regel-Effekt

Die niedrigeren Werte bei formalen Vereinbarungen belegen nicht, dass eine neue Homeoffice-Regel bei derselben Person automatisch die Zahl krank gearbeiteter Tage senkt. Die ergänzenden Panelanalysen deuten nach Angaben der Autoren darauf hin, dass der Unterschied teilweise auf bereits vorhandenen Unterschieden zwischen Beschäftigten beruhen könnte und nicht auf einer beständigen Veränderung innerhalb derselben Person.
Auch die höheren Werte bei informeller Zusatzarbeit erlauben keinen sicheren Kausalschluss. Arbeitsdruck, betriebliche Erwartungen, die Art der Tätigkeit oder persönliche Arbeitsweisen können sowohl den Bedarf an zusätzlicher Heimarbeit als auch Präsentismus beeinflussen. Die Modelle erfassen gemeinsame statistische Muster, nicht den isolierten Effekt einer betrieblichen Regel.
Die beiden Jahre sind zudem keine einfache Vorher-nachher-Messung. Zwischen 2019 und 2021 veränderte die COVID-19-Pandemie Arbeitsorganisation, Gesundheitsrisiken und Anwesenheitsnormen; außerdem bestand die Stichprobe von 2021 überwiegend aus neu aufgenommenen Befragten. Unterschiede zwischen den Jahreswerten dürfen daher nicht als zeitliche Entwicklung derselben Beschäftigten gelesen werden.
Die Auswertung erfasst Beschäftigte mit Krankheitstagen
Verfasst wurde die Untersuchung von Lena Zöhrer und Heiko Breitsohl von der Universität Klagenfurt sowie Nils Backhaus und Sophie-Charlotte Meyer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Der bibliografische Eintrag bei PubMed nennt den 1. Juli 2026 als Datum der elektronischen Vorabveröffentlichung; der Aufsatz erschien anschließend in der September-Ausgabe, Band 405.
Ausgewertet wurden 5.363 Personen aus der Befragungswelle 2019 und 10.049 aus dem Jahr 2021. Einbezogen waren abhängig Beschäftigte zwischen 15 und 65 Jahren, die mindestens zehn Stunden pro Woche arbeiteten, im vorherigen Jahr nicht die Stelle gewechselt hatten und mindestens einen Krankheitstag angaben. Personen mit insgesamt mehr als 60 Abwesenheits- und Präsentismus-Tagen wurden ausgeschlossen.
Diese Auswahl ist für die Interpretation wichtig: Die Analyse untersucht die Entscheidung zwischen Abwesenheit und Weiterarbeiten bei Personen, die überhaupt krank waren. Sie sagt nicht, wie häufig Beschäftigte insgesamt erkranken, und die konkreten Effektgrößen gelten für die untersuchten deutschen Daten. Eine unveränderte Übertragung auf Österreich oder die Schweiz wäre nicht belegt.
Klare Krankheitsregeln sollen informelle Mehrarbeit begrenzen

Die Autoren empfehlen Arbeitgebern, den Bedarf an informeller Zusatzarbeit zu verringern und in Homeoffice-Vereinbarungen festzuhalten, was im Krankheitsfall erwartet wird. Das ist eine aus den Befunden abgeleitete Präventionsmaßnahme, deren konkrete Wirkung auf die Zahl der Präsentismus-Tage in dieser Studie nicht getestet wurde.
Für bestehende Vereinbarungen ergeben sich daraus drei überprüfbare Fragen:
- Ist ausdrücklich geklärt, dass eine Krankmeldung nicht stillschweigend in einen Arbeitstag zu Hause übergeht?
- Sind Erreichbarkeit, Reaktionszeiten und die Übergabe dringender Aufgaben für Krankheitsfälle geregelt?
- Wird Arbeit außerhalb vereinbarter Zeiten sichtbar gemacht und organisatorisch begrenzt?
Eine schriftliche Regel allein beseitigt informelle Mehrarbeit nicht. Wenn Arbeitsmenge, Führungsverhalten oder Vertretungslücken weiterhin signalisieren, dass Erkrankte erreichbar bleiben sollen, können formale Vorgaben und gelebte Praxis auseinanderfallen.
Belegt ist damit ein wiederkehrender Gegensatz in zwei deutschen Befragungswellen: Häufige informelle Zusatzarbeit ging mit höherer Präsentismus-Neigung und mehr krank gearbeiteten Tagen einher, formale Vereinbarungen mit weniger solcher Tage. Ob bestimmte Regeln diese Werte tatsächlich senken, müssen längere Panelstudien oder Untersuchungen konkreter betrieblicher Änderungen erst zeigen.
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