Wer KI täglich nutzt, fürchtet den Jobverlust mehr als doppelt so oft

Gallup hat am 9. September 2026 eine Längsschnittauswertung zur KI-Nutzung in US-Betrieben veröffentlicht. Beschäftigte, die KI täglich oder mehrmals pro Woche einsetzten, stuften die Abschaffung ihres Arbeitsplatzes innerhalb von fünf Jahren in den meisten Erhebungswellen mehr als doppelt so häufig als sehr wahrscheinlich ein wie seltene Nutzer, wie die Gallup-Auswertung zeigt.
Die Vergleichsgruppe der häufigen Nutzer umfasst dabei sowohl tägliche als auch mehrmals wöchentliche Nutzung; tägliche Nutzer werden nicht separat ausgewiesen. Zugleich war der Zusammenhang mit akuter Verdrängungsangst bei Beschäftigten mit den höchsten Bewertungen für Respekt und organisatorische Fürsorge deutlich schwächer. Die Beobachtungsdaten belegen jedoch weder, dass häufige Nutzung die Angst verursacht, noch dass die befürchteten Stellenverluste tatsächlich eingetreten sind.
Gemessen wurde eine eng gefasste akute Angst

Das Verhältnis von mehr als zwei zu eins bezieht sich auf eine konkrete Antwort: Beschäftigte hielten es für sehr wahrscheinlich, dass ihr derzeitiger Arbeitsplatz innerhalb von fünf Jahren durch neue Technologie, Automatisierung oder KI abgeschafft wird. Über alle Befragten hinweg wählten in den meisten Wellen nur etwa drei bis vier Prozent diese stärkste Antwortkategorie. Der Abstand zwischen häufigen und seltenen KI-Nutzern war 2024 mit 6,7 Prozentpunkten am größten.
Davon zu unterscheiden ist eine breitere Kennzahl, die „sehr wahrscheinlich“ und „eher wahrscheinlich“ zusammenfasst. In der Februar-Erhebung 2026 lag dieser Anteil bei 18 Prozent, nach 15 Prozent im Jahr 2025; unter Beschäftigten in Unternehmen mit eingeführten KI-Werkzeugen waren es 23 Prozent. Der Bericht der Associated Press nennt für diese Welle 23.717 beschäftigte US-Erwachsene, einen Befragungszeitraum vom 4. bis 19. Februar 2026 und eine Fehlerspanne von 0,9 Prozentpunkten.
Die beiden Zahlenreihen widersprechen sich daher nicht: Sie verwenden unterschiedliche Schwellen für dieselbe Zukunftserwartung. Ebenso messen sie keine Entlassungen. Eine Person kann eine Abschaffung ihrer Stelle für wahrscheinlich halten, ohne später tatsächlich den Arbeitsplatz zu verlieren; automatisierte Einzelaufgaben sind zudem nicht mit der Auflösung einer vollständigen Stelle gleichzusetzen.
Das Panel verfolgt Veränderungen bei denselben Beschäftigten

Die Untersuchung beruht nicht nur auf einem einmaligen Vergleich verschiedener Personengruppen. Das aktualisierte Arbeitspapier zur Panelanalyse beschreibt Daten des Gallup Workplace Panel von 2023 bis zum zweiten Quartal 2026. Die Modelle nutzen Veränderungen innerhalb derselben Person und berücksichtigen zugleich zeitabhängige Unterschiede zwischen Branchen und Berufsgruppen.
Damit lassen sich stabile Eigenschaften besser abgrenzen, etwa eine grundsätzlich pessimistischere Haltung oder die dauerhafte Beschäftigung in einem besonders technologiegeprägten Beruf. Die Analyse findet einen positiven Zusammenhang zwischen häufiger KI-Nutzung und Verdrängungssorge; eine seltenere Nutzung unterschied sich dagegen nicht systematisch von vollständiger Nichtnutzung.
Auch dieses Verfahren macht aus der Beobachtung kein Experiment. Ein bislang unbeobachteter Faktor kann Nutzung und Sorge gleichzeitig verändern: Ein Unternehmen könnte KI-Werkzeuge einführen, Arbeitsabläufe neu ordnen und parallel über Personalkosten sprechen. Belastbar ist deshalb die Aussage, dass häufige Nutzung und Angst bei denselben Beschäftigten gemeinsam variieren. Nicht belegt ist, dass der Einsatz der Werkzeuge die Angst allein hervorruft.
Fürsorge zeigt den größten statistischen Unterschied

Unter häufigen KI-Nutzern war der Zusammenhang mit Verdrängungsangst bei der höchsten Respektbewertung um 6,8 Prozentpunkte kleiner als bei niedrigeren Bewertungen. Bei der höchsten Zustimmung zur Aussage, dass sich die Organisation um das Wohlergehen ihrer Beschäftigten kümmert, betrug der Unterschied 11,1 Prozentpunkte. Unter seltenen Nutzern veränderten starke oder schwache Bewertungen des Arbeitsumfelds die Verdrängungsangst dagegen nur wenig.
„Fürsorge“ und „Respekt“ sind hier gemessene Wahrnehmungen, keine nach einem einheitlichen Programm eingeführten Managementmaßnahmen. Die Ergebnisse sagen deshalb nicht, dass eine bestimmte Gesprächstechnik die Angst um genau 6,8 oder 11,1 Punkte senkt. Sie zeigen vielmehr, dass häufige Nutzer das Ersetzungsrisiko in unterstützend bewerteten Arbeitsumfeldern anders einschätzen als in schlechter bewerteten.
Für Führungskräfte konkretisiert die Auswertung, worauf sich Kommunikation über KI beziehen muss: auf den Zweck des Einsatzes, die Veränderung einzelner Aufgaben, die verbleibende menschliche Verantwortung und die künftige Leistungsbewertung. Solche Gespräche entsprechen den in der Studie untersuchten Dimensionen, sind aber noch kein Wirksamkeitsnachweis. Ob sie Sorgen ursächlich reduzieren, müsste in kontrollierten Interventionen geprüft werden.
Angst, Leistungsfolgen und realer Stellenabbau bleiben getrennte Fragen
Steigende Verdrängungssorge ging innerhalb derselben Person mit weiteren Veränderungen einher. Phasen, in denen Beschäftigte eine Abschaffung ihres Arbeitsplatzes mindestens für eher wahrscheinlich hielten, waren mit geringerem Engagement und geringerer Arbeitszufriedenheit sowie mit mehr Burn-out und einer höheren Wahrscheinlichkeit aktiver Stellensuche verbunden. Auch diese Werte beschreiben Zusammenhänge und keine nachgewiesene Wirkungskette von KI-Nutzung über Angst bis zur Kündigung.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz lässt sich die Größenordnung nicht direkt übernehmen. Die Paneldaten stammen aus den USA; Arbeitsrecht, Mitbestimmung, soziale Sicherung, Branchenstruktur und die betriebliche Kommunikation über Stellenplanung unterscheiden sich. Die Analyse liefert damit einen belastbaren US-Befund, aber noch keinen Messwert für den deutschsprachigen Arbeitsmarkt.
Der aktuelle Stand ist ein klar abgegrenztes Nutzungsparadox: Mehr Kontakt mit KI geht in den untersuchten US-Panelwellen nicht mit größerer subjektiver Sicherheit einher. Respekt und wahrgenommene organisatorische Fürsorge markieren deutlich schwächere Zusammenhänge, ohne deren Ursache zu beweisen. Offen bleiben regionale Vergleichsdaten und die entscheidende Langzeitfrage, wie gut die geäußerte Angst spätere Arbeitsplatzverluste tatsächlich vorhersagt.
Lesen Sie auch:
Newsletter abonnieren
Erhalten Sie die neuesten Nachrichten zu Web3, KI und Krypto direkt in Ihren Posteingang.