KI schwächt Fähigkeiten: 60 Prozent der Beschäftigten sorgen sich

|Autor: QUASA-Redaktion|5 Min. Lesezeit| 2
KI schwächt Fähigkeiten: 60 Prozent der Beschäftigten sorgen sich

IBM veröffentlichte am 21. September 2026 seine neue globale CHRO-Studie: 60 Prozent der befragten Beschäftigten sorgen sich, dass KI ihre Fähigkeiten schwächt. Kritisches Denken nennen sie am häufigsten als Fähigkeit, die aus ihrer Sicht nachlässt. Die Befragung belegt diese Sorge, aber keinen gemessenen Rückgang der Denkfähigkeit.

Der YourStory-Bericht zur Veröffentlichung nennt 1.500 befragte Personalverantwortliche und 8.800 Beschäftigte; 71 Prozent der Personalverantwortlichen halten das Überwachen, Prüfen und Überstimmen von KI-Ausgaben für besonders wichtig, während nur 29 Prozent der Beschäftigten Urteilsvermögen als wichtig einstufen. Für Arbeitgeber entsteht damit eine konkrete Frage: Wer soll KI-Ergebnisse beurteilen, und lässt die Arbeit dafür genug Zeit und Entscheidungsfreiheit?

Die Zahlen beschreiben unterschiedliche Fragen

Der Abstand zwischen Personalverantwortlichen und Beschäftigten ist real, doch die oft nebeneinandergestellten Antworten messen nicht genau dasselbe. Das Customer Experience Magazine nennt für die konkrete Fähigkeit, KI-Ausgaben zu überwachen, zu prüfen oder zu überstimmen, 38 Prozent unter Beschäftigten; außerdem berichten dort 43 Prozent der Beschäftigten, bei KI-Fehlern die Schuld zugewiesen zu bekommen, während 41 Prozent der Personalverantwortlichen bezweifeln, dass Beschäftigte sich beim Widerspruch sicher fühlen. Der niedrigere Beschäftigtenwert aus der IBM-Mitteilung betrifft dagegen Urteilsvermögen als Fähigkeit. Aus beiden Werten lässt sich deshalb keine einzige, exakt bezifferte Lücke bei derselben Frage berechnen.

Die Unterscheidung ändert die praktische Deutung. Eine Person kann Urteilsvermögen für wichtig halten und dennoch nicht wissen, wann sie einer KI-Empfehlung widersprechen darf. Ebenso kann sie Ergebnisse regelmäßig kontrollieren, ohne diese Tätigkeit als besondere Kompetenz zu benennen. Die Befragung zeigt, wie unterschiedlich die Gruppen menschliche Kontrolle gewichten; sie erklärt noch nicht, ob Beschäftigte dafür ausreichend geschult oder in ihren Arbeitsabläufen dazu befugt sind.

Warum die Sorge um Fähigkeiten zur Arbeitsfrage wird

Wenn KI einen Entwurf liefert oder eine Entscheidung vorbereitet, verschwindet die menschliche Arbeit nicht zwangsläufig. Sie verlagert sich auf fehlenden Kontext, unplausible Aussagen und Ausnahmen, für die der Vorschlag nicht passt. Wer solche Fälle erkennen soll, braucht weiterhin Fachwissen über die Aufgabe. Die Sorge vor Kompetenzverlust betrifft damit gerade Fähigkeiten, auf die eine verlässliche Kontrolle angewiesen ist.

Weniger eigene Übung kann ein plausibler Mechanismus sein: Wer Probleme kaum noch selbst formuliert oder Lösungen begründet, hat weniger Gelegenheiten, diese Fähigkeiten im Arbeitsalltag einzusetzen. Ob das bei den Befragten tatsächlich zu einem messbaren Verlust geführt hat, lässt sich aus ihren Antworten nicht ableiten. Auch Automatisierungsbias, also die ungeprüfte Übernahme einer überzeugend wirkenden maschinellen Empfehlung, wurde durch die genannten Umfragewerte nicht gemessen. Er beschreibt ein mögliches Risiko für Abläufe, in denen eine Freigabe nur noch Formsache ist.

Kontrolle braucht ein Recht zum Widerspruch

Aus den Ergebnissen lässt sich eine Aufgabenverteilung für KI-gestützte Entscheidungen ableiten: prüfen, überstimmen, eskalieren und verantworten. Prüfen bedeutet, eine Ausgabe am Zweck der Aufgabe und an verfügbaren Informationen zu messen. Die zuständige Person muss erkennen können, welche Angaben fehlen und wann ein Vorschlag außerhalb des vorgesehenen Anwendungsfalls liegt. Ein Blick auf das fertige Ergebnis genügt dafür nicht immer.

Überstimmen setzt voraus, dass die prüfende Person eine Empfehlung tatsächlich zurückweisen kann. Bei widersprüchlichen Informationen oder Folgen außerhalb ihrer Zuständigkeit braucht sie zudem einen festgelegten Weg zur Eskalation: Wer übernimmt den Fall, und wird die Entscheidung bis zur Klärung ausgesetzt? Ohne diese Rechte kann eine Pflicht zur Kontrolle bestehen, während der Ablauf faktisch auf Zustimmung angelegt ist.

Verantwortung muss zur jeweiligen Entscheidungsbefugnis passen. Beschäftigte können für eine sorgfältige Prüfung zuständig sein, ohne damit automatisch sämtliche Fehler des KI-Systems zu tragen. Die berichtete Sorge vor Schuldzuweisung macht diese Trennung relevant: Wer einen Fehler melden oder eine Empfehlung stoppen soll, darf dadurch nicht allein zum Verantwortlichen für ein Ergebnis werden, das er nicht vollständig steuern konnte. Diese Entscheidungslandkarte ist eine redaktionelle Ableitung, kein in der Studie getestetes Verfahren.

Weiterbildung allein löst den Konflikt nicht

Eine Schulung zur Bedienung eines KI-Werkzeugs bereitet noch nicht auf die Beurteilung seiner Ergebnisse vor. Dafür müssen Beschäftigte Probleme selbst eingrenzen, Belege abwägen und eine abweichende Entscheidung begründen können. Solche Fähigkeiten bleiben nur dann Teil der Arbeit, wenn Arbeitsabläufe Raum für eigene Prüfung lassen. Weiterbildung und die Verteilung von Entscheidungsrechten gehören deshalb zusammen.

Auch die Personalabteilung kann diese Frage nicht allein über Kurse beantworten. Die Fachbereiche kennen die Folgen einer fehlerhaften Entscheidung; sie müssen mitbestimmen, welche Arbeit menschlich geführt, durch KI unterstützt oder automatisiert ausgeführt wird. Erst eine solche Zuordnung macht sichtbar, ob KI eine Aufgabe erleichtert oder zusätzliche, bislang wenig sichtbare Kontrollarbeit auf Beschäftigte verschiebt.

Was nach der Veröffentlichung offenbleibt

Die Ergebnisse beruhen auf globalen Selbstauskünften. Sie zeigen weder einen objektiv gemessenen Kompetenzverlust noch, ob Beschäftigte in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz genauso antworten würden. Die Fragen nach Prüfzeit, Widerspruchsrecht und Zuständigkeit sind für Arbeitgeber dort relevant; die globalen Prozentwerte sind jedoch keine regionalen Befunde.

Fest steht derzeit, dass viele Befragte einen Verlust ihrer Fähigkeiten befürchten und Personalverantwortliche hohe Erwartungen an menschliche Kontrolle stellen. Welche Formen von Weiterbildung und Arbeitsgestaltung Fähigkeiten tatsächlich erhalten, bleibt anhand der veröffentlichten Befragung offen. Dafür wären Beobachtungen konkreter Abläufe und Messungen von Fähigkeiten über die Selbstauskunft hinaus nötig.

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