22 Millionen KI-Prompts am Arbeitstag – die Stromzahl ist nur eine Schätzung

Eine am 25. August 2026 veröffentlichte britische Hochrechnung beziffert die KI-Nutzung am Arbeitsplatz auf 22 Millionen Prompts pro Arbeitstag. Der Bericht von ITPro führt die Rechnung auf Uswitch Business Energy zurück: Multipliziert mit 0,24 Wattstunden je Prompt entstehen 5,28 Megawattstunden pro Arbeitstag und rund 1,37 Gigawattstunden im Jahr.
Gemessen wurde dieser britische Gesamtverbrauch nicht. Eine Folgeberichterstattung vom 26. August griff dieselben Annahmen und Ergebnisse auf; die Promptmenge bleibt jedoch eine Hochrechnung, während der verwendete Energiefaktor aus einer Messung für Gemini Apps stammt.
Wie die Schätzung auf 22 Millionen Prompts kommt

Uswitch verknüpft mehrere Größen, die nicht aus einer gemeinsamen technischen Erfassung stammen. Laut ITPro nutzen 32 Prozent der britischen Beschäftigten KI bei der Arbeit. Ein durchschnittliches Team wird mit zwölf Personen und 24 Prompts pro Tag angesetzt, woraus sich rechnerisch zwei Prompts je Person ergeben.
Die Zahl von 24 Prompts beschreibt damit ein Team und nicht einen einzelnen Beschäftigten. Hochgerechnet auf die angenommene Zahl der KI-Nutzer sollen daraus 22 Millionen Anfragen pro Arbeitstag entstehen. Welche Abgrenzung der Erwerbsbevölkerung dafür genau verwendet wurde, legt die Berichterstattung nicht vollständig offen.
Diese fehlende Bezugsgröße ist relevant: 22 Millionen Prompts bei zwei Anfragen je Nutzer entsprechen elf Millionen täglichen Nutzern. Bei einer Nutzerquote von 32 Prozent setzt das rechnerisch eine Grundgesamtheit von rund 34,4 Millionen Beschäftigten voraus. Die Promptzahl ist deshalb kein Zählerstand, sondern das Ergebnis mehrerer aufeinander aufbauender Annahmen.
Der anschließende Stromrechenweg ist dagegen eindeutig: 22.000.000 mal 0,24 Wattstunden ergeben 5.280.000 Wattstunden beziehungsweise 5,28 Megawattstunden. Multipliziert mit etwa 260 Arbeitstagen entstehen 1,3728 Gigawattstunden im Jahr. Die Arithmetik lässt sich reproduzieren; sie macht die Eingabewerte aber nicht genauer.
Warum 0,24 Wattstunden kein allgemeiner Promptwert sind

Der Energiefaktor stammt aus Googles Gemini-Infrastruktur. Die technische Erläuterung von Google nennt für den medianen Textprompt in Gemini Apps im Mai 2025 einen Wert von 0,24 Wattstunden. Einbezogen wurden aktive KI-Beschleuniger, CPU und Arbeitsspeicher, bereitgehaltene Leerlaufkapazität sowie der zusätzliche Energiebedarf der Rechenzentrumsinfrastruktur.
Google begrenzt die Aussage ausdrücklich: Die Analyse repräsentiert nicht die Umweltwirkung sämtlicher Textprompts in Gemini Apps und erlaubt keine Vorhersage künftiger Werte. Modelle, Systemarchitektur und Nutzungsverhalten verändern sich; außerdem wurden Daten und Aussagen nach Angaben des Unternehmens nicht unabhängig durch Dritte geprüft.
Vor allem ist der Median kein Durchschnitt über alle denkbaren KI-Dienste und Aufgaben. Die Google-Untersuchung ordnet die Prompts nach dem Energiebedarf der jeweils verwendeten Gemini-Modelle und bestimmt daraus den mittleren Punkt der Verteilung. Anfragen mit hohen Tokenzahlen gehören zu den Ausreißern, die deutlich mehr Energie beanspruchen können.
Die britische Rechnung behandelt dagegen jeden angenommenen Arbeitsplatz-Prompt so, als entspräche er diesem Gemini-Median. Sie unterscheidet weder zwischen Anbietern und Modellen noch zwischen kurzen Textantworten, langen Dokumentanalysen, rechenintensivem Schlussfolgern und der Erzeugung anderer Medien. Genau deshalb ist der Faktor für das Szenario verwendbar, aber nicht als universelle Naturkonstante eines „KI-Prompts“.
Was eine betriebliche KI-Energiebilanz ausweisen müsste

Für eine belastbare Unternehmensbilanz reicht die Multiplikation einer Promptzahl mit einem fremden Medianwert nicht aus. Sie müsste Nutzung und Energiekennzahlen auf derselben sachlichen Grundlage zusammenführen und offenlegen, welche Teile gemessen und welche geschätzt wurden.
- Gezählte oder nachvollziehbar geschätzte Anfragen, getrennt nach Dienst und Berichtszeitraum;
- verwendete Modelle und Aufgabentypen sowie, soweit verfügbar, Eingabe- und Ausgabelängen;
- anbieter- oder modellspezifische Energiekennzahlen mit Messdatum und klarer Systemgrenze;
- Bandbreiten für unbekannte Werte statt eines einzigen scheinbar exakten Ergebnisses;
- eine Trennung von Stromverbrauch, Treibhausgasemissionen und Wasserverbrauch.
Auch der Ort des Verbrauchs muss erkennbar bleiben. Die Rechenarbeit findet überwiegend in den Rechenzentren der Anbieter statt und erscheint daher nicht als entsprechender Posten auf der Stromrechnung des Büros. Für eine umfassendere Umweltbilanz kann dieser ausgelagerte Verbrauch dennoch relevant sein, sofern Zuordnung und Berechnung transparent dokumentiert werden.
Die britische Zahl lässt sich nicht auf DACH übertragen
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz liefert die Hochrechnung keine eigene Verbrauchszahl. Sie beruht auf britischen Angaben zur Erwerbsbevölkerung und KI-Nutzung sowie auf Annahmen zur täglichen Promptmenge. Eine Übertragung würde länderspezifische Nutzungsdaten und Informationen über die tatsächlich eingesetzten Dienste und Modelle erfordern.
Damit bleibt der Kern der Nachricht zweigeteilt: Die 5,28 Megawattstunden pro britischem Arbeitstag sind das korrekte Ergebnis der gewählten Multiplikation. Sie sind aber keine Messung des gesamten KI-Stromverbrauchs am Arbeitsplatz.
Vergleichbare betriebliche Werte werden erst möglich, wenn Anbieter regelmäßig Messdaten für unterschiedliche Modelle und Anfrageklassen veröffentlichen und Unternehmen ihre Nutzung entsprechend erfassen. Bis dahin beschreibt die Zahl die Größenordnung eines klar begrenzten Szenarios, nicht den tatsächlichen Stromverbrauch aller britischen oder deutschsprachigen Arbeitsplätze.
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