
Polarise startet deutsche KI-Cloud auf eigener Infrastruktur

Am 22. Oktober 2026 hat der deutsche Anbieter Polarise auf der NVIDIA GTC Berlin den Start seiner KI-Cloud auf eigener europäischer Infrastruktur bekanntgegeben; CEO Michel Boutouil sagte dazu: „Wir haben zuerst unsere eigenen AI Factories gebaut.“ Die Plattform verbindet den sofort verfügbaren Unternehmensassistenten Rise mit Drive, einem API-Dienst für Open-Weight-Modelle im kontrollierten Rollout. Ihre Rechenzentren betreibt Polarise nach eigenen Angaben in Deutschland und Norwegen, darunter eine AI Factory im Münchner Tucherpark.
Die Unterscheidung ist für Unternehmen entscheidend: Rise lässt sich als fertiger Arbeitsbereich abonnieren, während Entwicklungsteams für Drive zunächst Zugang beantragen müssen. Der Berliner Start bedeutet damit eine sofort nutzbare Anwendung für Beschäftigte und einen zunächst begrenzt zugänglichen Modellzugang für eigene Software. Beide Dienste liegen über derselben vom Anbieter betriebenen Recheninfrastruktur; ihre Kosten und die Anforderungen an die technische Integration unterscheiden sich jedoch deutlich.
Rise bietet einen gemeinsamen Arbeitsbereich für Beschäftigte
Rise ist für Teams gedacht, die ohne eigene API-Anbindung mit einem KI-Assistenten schreiben, recherchieren und Unternehmensdateien auswerten wollen. In geteilten Workspaces können Beschäftigte Dateien und Gespräche gemeinsam nutzen; außerdem beschreibt Polarise eine Dokumentensuche mit Verweisen auf die verwendeten Stellen und eine Websuche mit Quellen. Für Administratoren sieht das Angebot Einstellungen auf Unternehmens-, Workspace- und Nutzerebene vor. Diese Funktionen betreffen die fertige Anwendung, nicht automatisch den Leistungsumfang einer selbst entwickelten Drive-Integration.
Die Rise-Tarifübersicht nennt am 3. November 2026 für Geschäftskunden monatlich 20 Euro je Team-Platz, 40 Euro je Business-Platz und 200 Euro je Enterprise-Platz, jeweils zuzüglich Umsatzsteuer; der enthaltene Dateispeicher beträgt entsprechend zwei, sechs oder 25 Gigabyte pro Platz. Die Pläne lassen sich laut Anbieter kombinieren, sodass nicht alle Beschäftigten denselben Tarif benötigen. Die höhere KI-Nutzung der teureren Pläne wird relativ zum Team-Tarif angegeben; ein einheitliches Tokenbudget für sämtliche Plätze lässt sich daraus nicht ablesen.
Eine Rechnung nach diesen veröffentlichten Monatspreisen ergibt für zehn Team-Plätze 200 Euro netto. Zehn Business-Plätze kosten 400 Euro netto; bei acht Team- und zwei Business-Plätzen sind es 240 Euro netto. Die Beispiele setzen ausschließlich die ausgewiesenen Platzpreise an und enthalten weder individuelle Vertragskonditionen noch eine mögliche spätere Änderung des Tarifs. Sie zeigen, wie sich eine gemischte Belegung auf den Monatsbetrag auswirkt.
Drive öffnet den Modellzugang für eigene Software

Drive richtet sich an Entwickler, die Antworten von Open-Weight-Modellen über eine API in eigene Anwendungen einbinden wollen. Polarise nennt GLM, Kimi und NVIDIA Nemotron als Modellfamilien und beschreibt die Schnittstelle als kompatibel mit dem OpenAI SDK. Teams mit einer vorhandenen OpenAI-kompatiblen Anbindung können deshalb einen ähnlichen Aufrufweg nutzen, müssen aber Ausgabe, Funktionen und Latenz mit dem gewählten Modell getrennt beurteilen. Eine kompatible Schnittstelle sagt nichts darüber aus, ob zwei Modelle auf denselben Eingaben gleich reagieren.
Anders als der feste Preis pro Rise-Platz wird Drive nach verbrauchten Tokens abgerechnet. Die Modellwahl, die Länge der Eingaben und Antworten sowie die Nutzung zwischengespeicherter Eingaben bestimmen deshalb die Rechnung eines konkreten Workloads. Der Zugang ist zunächst kontrolliert: Ein Unternehmen kann eine Freischaltung beantragen, erhält aus dem Berliner Start aber keinen Anspruch auf sofortige allgemeine Verfügbarkeit. Eine Agentic Engine für eigene KI-Agenten und MCP-Anbindungen für externe Werkzeuge stehen in der Ankündigung als spätere Erweiterungen.
Eigene Standorte tragen die Cloud

Polarise nennt Rechenzentren in Deutschland und Norwegen als Grundlage der Cloud; zu den deutschen Anlagen zählt der Standort im Münchner Tucherpark. Nach Darstellung des Unternehmens reicht seine Kontrolle über die Infrastruktur von den Rechenzentren und beschleunigten Servern bis zur Cloud-Software und API. Für die angebotene Rechentechnik nennt es NVIDIA Blackwell und Server des NVIDIA-Partners Kerno. Das ist eine konkrete Lieferkette für den Dienst, auch wenn Hardware und Modellsoftware selbst von weiteren Unternehmen stammen.
Für den Ausbau nutzt Polarise bestehende Gebäude mit vorhandenen Netzanschlüssen und Genehmigungen und installiert dort modulare AI Pods. Dadurch muss nicht jeder zusätzliche Standort als vollständig neues Rechenzentrum entstehen. Die Angabe eigener Standorte beantwortet allerdings noch nicht, an welchem Ort ein bestimmter Auftrag verarbeitet oder gespeichert wird. Gerade weil neben Deutschland auch Norwegen zum Netz gehört, sind die konkrete Standortzuordnung und die zugesagten Datenflüsse für eine Beschaffung wichtig.
Incresos Produktiveinsatz zeigt die Grenze des Rollouts
Das italienische Unternehmen Increso nutzt Drive nach der Berliner Ankündigung bereits für KI-Agenten im Kundenservice und verbindet den Modellzugang mit seiner Plattform Inxide. Techopia ordnet Increso als frühen produktiven Kunden ein und weist darauf hin, dass dessen Betrieb keine allgemeine Freigabe von Drive belegt. Ein produktiver Einsatz zeigt, dass die Schnittstelle in einer konkreten Kundenumgebung arbeitet; er liefert keine vergleichbaren Werte für Antwortzeiten, Durchsatz oder Verfügbarkeit unter anderen Lastprofilen.
Für die Vorauswahl sind damit unterschiedliche Informationen verfügbar. Bei Rise stehen Platzpreise und Funktionsbeschreibungen bereit; bei Drive sind Modellfamilien und die Tokenabrechnung beschrieben, der Zugang erfolgt aber selektiv. Für beide Dienste fehlen in den Startangaben unabhängig veröffentlichte Leistungsmessungen sowie konkrete Service-Level für einen späteren Vertrag. Entscheidend werden nun die pro Kunde freigeschalteten Modelle, zugesagte Verfügbarkeit, Supportzeiten und der tatsächliche Weg von Eingaben, Ausgaben und Protokolldaten zwischen den Standorten sein. Erst solche Angaben machen aus der angekündigten Infrastruktur ein vergleichbares Betriebsangebot.
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