OpenAI sperrt zwei Tarnnetzwerke – ihre tatsächliche Reichweite bleibt unklar

|Autor: QUASA-Redaktion|5 Min. Lesezeit| 6
OpenAI sperrt zwei Tarnnetzwerke – ihre tatsächliche Reichweite bleibt unklar

OpenAI meldete in seinem Bericht vom 8. Oktober 2026 die Sperrung von ChatGPT-Konten zweier verdeckter Einflussoperationen mit Ursprung in Russland und Iran. Die eine nutzte erfundene Journalistenidentitäten, die andere eine als Forschungsplattform auftretende Einrichtung in Lateinamerika. Gesperrt wurden die Konten bei OpenAI; wie viele Menschen die veröffentlichten Inhalte erreichten oder durch sie beeinflusst wurden, lässt sich daraus nicht bestimmen.

Für die iranische Operation nennt die AFP-Meldung sieben erfundene Autorenprofile und knapp 100 veröffentlichte oder weiterverbreitete Artikel. Die russische Operation nutzte das Social Research Center, kurz SRC, dessen örtliche Mitarbeiter offenbar nicht wussten, für wen sie letztlich arbeiteten. Beide Konstruktionen verliehen den Botschaften eine glaubwürdige Absenderidentität: bei den Artikeln die Signatur eines vermeintlichen Journalisten, bei den Forschungsarbeiten der Name einer Einrichtung mit echten Beschäftigten.

Wie erfundene Autoren Beiträge in Medien brachten

Die iranische Kampagne, von OpenAI „Bogus Bylines“ genannt, setzte bei der Einreichung von Gastbeiträgen an. Ihre Betreiber ließen englischsprachige Texte über den Konflikt zwischen den USA und Iran mit ChatGPT überarbeiten und an die Vorgaben einzelner Onlinemedien anpassen. Danach erzeugten sie Anschreiben für die Redaktionen. Die KI erleichterte also die Vorbereitung der Beiträge und ihrer Vermarktung; über eine Veröffentlichung entschieden die jeweiligen Medien.

Zu den verwendeten Namen gehörten Ervin B. Hoskins und Michael Harrison. Für einige Autorenfiguren erschienen Biografien neben den Artikeln; Social-Media-Konten sollten ihre Identitäten zusätzlich stützen. Hoskins gab sich als freier amerikanischer Autor aus, während Transparenzangaben zu seinen Konten auf Iran verwiesen. Bei Harrison ließen die Betreiber sogar die Autorenbiografie mit dem Modell formulieren. Die überprüfbare Spur liegt damit nicht allein im Text eines Beitrags, sondern auch in den Angaben zur Person, die ihn angeblich verfasst hat.

Die Betreiber erzeugten außerdem Kommentare zu politischen Beiträgen und zu Artikeln der eigenen Kampagne. Solche Reaktionen konnten Zustimmung vortäuschen, doch die öffentlich auffindbaren Kommentare erhielten überwiegend wenig eigenständige Resonanz; ein Teil der Likes kam von Konten, die ebenfalls zur Operation gehörten. In internen Auswertungen schrieben die Betreiber ihrer Kommentartätigkeit Aufrufe der ursprünglichen Beiträge zu. Diese Rechnung erfasst nicht, ob jemand den Kommentar gesehen hat oder seinetwegen den Beitrag aufrief.

Das Social Research Center beschäftigte echte Menschen

Die russische Operation „Dark Clark“ wählte eine aufwendigere Fassade. Das Social Research Center veröffentlichte Arbeiten über Themen in Lateinamerika, die nach den verfügbaren Hinweisen überwiegend von örtlichen Mitarbeitern selbst erstellt wurden. Diese führten Interviews mit Fachleuten und verfassten Forschungsbeiträge. Gerade diese echte Arbeit machte die Einrichtung für Außenstehende plausibel: Hinter ihrem Namen standen Kontakte und Inhalte, nicht nur ein angelegtes Profil.

Die Hinweise auf eine verdeckte Steuerung liegen in den internen Berichten der Betreiber. Darin ging es um Gehälter, Einstellungen, Entlassungen und laufende Projekte des SRC. Eine erfundene Person namens „Mia Clark“ diente offenbar als Kontakt zu den Beschäftigten und für die Präsenz der Einrichtung in sozialen Medien. Die Berichte deuten auf Kontrolle durch die Betreiber hin; sie sind kein Beleg dafür, dass die Mitarbeiter den russischen Hintergrund kannten oder die Täuschung unterstützten.

Das SRC war nur ein Teil der russischen Aktivitäten. Die Betreiber beschrieben auch gefälschte Mitteilungen, angeblich durchgestochene Inhalte und Tonaufnahmen, mit denen sie die Ukraine in Lateinamerika diskreditieren wollten. In Peru sollen sie sich per E-Mail als Bildungsbehörde ausgegeben und Schulen zu Veranstaltungen aufgefordert haben. Später erschienen Medienberichte, die zu ihrer Darstellung passten. Ob jede behauptete Reaktion tatsächlich auf diese E-Mails zurückging, lässt sich aus der Übereinstimmung allein nicht ableiten.

In anderen Fällen ist die öffentliche Spur konkreter: Zu falschen Behauptungen über eine Rekrutierung für die Ukraine in Ecuador und über eine angeblich bevorstehende Wassersperre in Bolivien erschienen Faktenchecks beziehungsweise Dementis. Einige weitere Erfolge, die die Betreiber in ihren Berichten für sich beanspruchten, konnten nicht nachvollzogen werden. Sie versuchten sogar, bereits bestehende politische Aussagen ihrer eigenen Kampagne zuzuschreiben. Ihre Tätigkeitsberichte zeigen deshalb vor allem, welche Wirkung sie behaupteten und wie sie ihren Auftraggebern die Arbeit präsentierten.

Veröffentlichungen belegen Zugang, keine Überzeugungskraft

Der Unterschied zwischen Verbreitung und Wirkung prägt die Einordnung beider Operationen. In CyberScoops Bericht werden die russische Kampagne mit Stufe 5 und die iranische Artikelkampagne mit Stufe 4 auf OpenAIs sechsstufiger Skala wiedergegeben. Diese Werte beschreiben, wie weit Inhalte über die eigenen Kanäle hinaus gelangten und ob sie öffentliche Reaktionen auslösten. Sie zählen weder die tatsächlichen Leser eines Artikels noch Menschen, deren politische Haltung sich dadurch änderte.

Für „Bogus Bylines“ ist die Platzierung von Beiträgen unter falschen Namen die greifbarste Leistung. Ein Beitrag in einem bestehenden Medium kann auch über dessen eigene Kanäle verbreitet werden; die Größe eines möglichen Publikums ist aber keine gemessene Leserzahl. Bei „Dark Clark“ zeigen passende Veröffentlichungen, Faktenchecks und Dementis, dass einzelne Behauptungen Aufmerksamkeit erhielten. Aus einer öffentlichen Widerlegung folgt jedoch nicht, dass die vorherige Falschbehauptung geglaubt wurde oder dass sich jede Reaktion eindeutig den gesperrten Konten zurechnen lässt.

Für Redaktionen ist an diesem Fall die Kombination aus passgenauem Gastbeitrag, plausibler Biografie und widersprüchlichen Angaben zum Kontostandort auffällig. Bei einer Forschungseinrichtung liegt die entscheidende Frage anders: Wer entscheidet über Personal und Projekte, während Beschäftigte unter dem Namen der Organisation nach außen auftreten? Die Sperrung der ChatGPT-Konten beendet den Zugang dieser Betreiber zu OpenAIs Modellen. Die bereits erschienenen Beiträge und die Identität ihrer tatsächlichen Auftraggeber bleiben für Medien und Forschungspartner eigenständige Fragen.

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