88 Prozent erleben KI-Jobwandel – jeder Zweite ohne klare Führung

|Autor: QUASA-Redaktion|5 Min. Lesezeit| 5
88 Prozent erleben KI-Jobwandel – jeder Zweite ohne klare Führung

SAP SuccessFactors hat am 7. Oktober 2026 eine neue Auswertung zur Zukunft der Arbeit veröffentlicht, die einen älteren Befund aufgreift: 88 Prozent der damals Befragten führten Änderungen ihrer Arbeit zumindest teilweise auf die eigene KI-Nutzung zurück; ungefähr jede zweite dieser Änderungen verlief ohne klare Anleitung durch Vorgesetzte oder Organisation. Die neue Auswertung verbindet die Beobachtung mit einer Führungsfrage: Wer legt Aufgaben, Entscheidungsrechte und Leistungsmaßstäbe fest, wenn Beschäftigte ihre Arbeit bereits verändern?

Die frühere weltweite SAP-Erhebung befragte 4.016 Mitarbeitende und Manager; sie beziffert den Anteil der Änderungen ohne öffentlich kommunizierte Vorgaben auf 51 Prozent. Diese Quote beschreibt Veränderungen der Arbeitsweise, nicht zwingend die Hälfte aller Beschäftigten. Die neue Forschungsarbeit stützt sich dagegen auf die Sichtung von mehr als 500 Quellen sowie auf Befragungen von 2.718 Beschäftigten, 500 Mitgliedern der obersten Führungsebene und 60 HR-Verantwortlichen; auch Gründer von KI-Unternehmen wurden einbezogen. Eine eigene Quote für Deutschland, Österreich oder die Schweiz nennt SAP dabei nicht.

Aufgaben verändern sich vor den Stellenbeschreibungen

Veränderte Aufgaben führen zu neuer Verantwortung, während Anleitung für Entscheidungen fehlt.

Der ältere Befund zeigt einen Wandel innerhalb bestehender Rollen. In der Befragung berichteten 46 Prozent von mehr Zeit für Führung, Management und Aufsicht, 45 Prozent von mehr Problemlösung und ebenfalls 45 Prozent von mehr Zeit für das Erlernen neuer Informationen, Fähigkeiten oder Werkzeuge. Zugleich meldeten Beschäftigte einen Rückgang bei routinemäßiger Verwaltungsarbeit, kreativer Arbeit sowie Datenanalyse und Berichterstellung. Die Prozentsätze erfassen Selbstauskünfte über veränderte Tätigkeiten; sie belegen keine einheitliche Entwicklung in jeder Branche oder jedem Land.

Für Teams entsteht dadurch eine Lücke zwischen tatsächlicher Arbeit und formaler Rolle. Wer mit KI einen ersten Entwurf schneller erstellt, kann anschließend mehr Fälle bearbeiten, Ergebnisse auf Fehler prüfen oder schwierigere Entscheidungen übernehmen. Diese Möglichkeiten haben unterschiedliche Folgen für Verantwortung und Arbeitslast. Ohne eine gemeinsame Festlegung kann eine Beschäftigte eine Tätigkeit eigenständig erweitern, während ihre Führungskraft weiterhin nur das alte Arbeitsergebnis erwartet. Die fehlende Anleitung betrifft damit die Zielrichtung der Aufgabe und die Befugnis zum Entscheiden, nicht allein die Bedienung eines KI-Werkzeugs.

Neue Arbeit braucht andere Leistungsmaßstäbe

Eine reine Zählung erledigter Aufgaben erfasst die Prüfung und Bewertung von KI-Ergebnissen nur unvollständig.

Die neue Forschungsarbeit stellt die Bewertung von Ausstoß und Tempo einer Bewertung nach Wirkung gegenüber. Bei KI-gestützter Arbeit lassen sich Entwürfe, Antworten oder erledigte Schritte leicht zählen; die Prüfung eines fehlerhaften Vorschlags und die Lösung eines schwierigen Falls sind weniger sichtbar. Ein Maßstab, der nur die Stückzahl erfasst, kann deshalb den Teil der Arbeit ausblenden, für den Menschen weiterhin Urteil und Verantwortung tragen. Entscheidend ist, ob das Ergebnis den vorgesehenen Zweck erfüllt und wer bei Ausnahmen die letzte Entscheidung trifft.

In der neuen SAP-Befragung halten 75 Prozent der Führungskräfte eine Neuerfindung von Messung, Belohnung und Entwicklung für notwendig, damit Organisationen im KI-Zeitalter erfolgreich sein können. Der auf Personalentwicklung spezialisierte Newsletter The Talent Weekly ordnet die Veröffentlichung als Problem auseinanderlaufender Rollen, Erwartungen und Beurteilung ein. Für die Führung folgt daraus eine Reihenfolge: Erst wird die neue Verantwortung beschrieben, dann wird entschieden, welche Leistung Anerkennung und Förderung erhält. Sonst belohnt die Beurteilung womöglich den alten Ablauf, während die Beschäftigten bereits andere Aufgaben erledigen.

Wem die durch KI gewonnene Zeit nützt

Durch KI gewonnene Zeit kann für zusätzliche Routinearbeit oder für Qualifizierung eingesetzt werden.

SAP sieht in der Fixierung auf leicht messbare Zeitersparnis eine mögliche Produktivitätsfalle. Zusätzliche Kapazität kann in mehr gleiche Vorgänge fließen; sie kann aber auch für sorgfältigere Prüfung, komplexere Probleme oder neue Fähigkeiten genutzt werden. Die Optionen sind keine automatisch gemessenen Erträge der Untersuchung, sondern verschiedene Entscheidungen über die Organisation der Arbeit. Ob eine Zeitersparnis dem Unternehmen, dem Team oder der Entwicklung der einzelnen Person zugutekommt, hängt davon ab, welches Ergebnis und welche Priorität die Verantwortlichen festlegen.

Der Befund zur Automatisierung bestehender Arbeit zeigt die Spannung hinter dieser Entscheidung: Eine Tätigkeit schneller auszuführen verändert ihre Verantwortung noch nicht. Wird die gewonnene Zeit sofort mit weiteren gleichartigen Aufträgen gefüllt, kann die alte Rolle trotz neuer Technik bestehen bleiben. Wird sie für schwierigere Fälle reserviert, muss dagegen geklärt sein, wer diese Fälle übernimmt, welche Entscheidungen eigenständig getroffen werden dürfen und wie die zusätzliche Denkarbeit bewertet wird. Eine allgemeine Aufforderung zur KI-Nutzung beantwortet keine dieser Fragen.

Qualifizierung folgt der veränderten Verantwortung

Wenn Beschäftigte mehr prüfen und entscheiden, greift eine Schulung zur Werkzeugbedienung zu kurz. Sie brauchen Wissen über die Qualität der Ergebnisse, die Grenzen ihrer Entscheidungsvollmacht und den Punkt, an dem ein Fall weitergegeben werden muss. Der direkte Vorgesetzte kann diese Grenzen für die tägliche Arbeit setzen; HR muss sie in Rollen, Entwicklung und Leistungsbewertung wiederfinden. Andernfalls wächst die Verantwortung im Arbeitsalltag, während Befugnisse und Karrieregespräche an einer früheren Stellenbeschreibung hängen bleiben.

SAP entwickelt und verkauft selbst Software für Personalprozesse. Seine Forderung nach einem stärkeren Gestaltungsauftrag für HR ist daher zugleich eine Position des Anbieters; die globalen Selbstauskünfte liefern keine Messung, wie gut einzelne Unternehmen ihre Rollen bereits neu geordnet haben. Für Beschäftigte ist die unmittelbare Folge konkreter: Ob KI Arbeit erleichtert oder bloß zusätzliche Anforderungen schafft, entscheidet sich an den vereinbarten Aufgaben, Entscheidungsspielräumen und Maßstäben für gute Ergebnisse.

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