
Prewave beziffert Lieferkettenrisiken – Optimise bleibt vorerst Beta

Das Wiener Unternehmen Prewave hat laut seiner Mitteilung vom 7. Oktober 2026 das Portfolio Quantified Resilience eingeführt. Es soll die finanziellen Folgen von Lieferkettenstörungen beziffern: Prewave Respond ist für akute Fälle verfügbar, während sich Prewave Optimise für die Planung von Vorsorgemaßnahmen noch in der Beta-Phase befindet. Dafür verknüpft Prewave Risikosignale mit Stücklisten, Beständen, alternativen Bezugsquellen und Absatzdaten des jeweiligen Unternehmens.
Harald Nitschinger, Gründer und CEO von Prewave, beschreibt den Bedarf der Einkaufsteams im brutkasten-Bericht vom 20. Oktober 2026 so: „Sie wollen eine belastbare Entscheidungsgrundlage“. Die neue Rechnung soll deshalb über die Frage hinausgehen, ob ein Lieferant von einer Störung betroffen ist. Entscheidend wird, welche Bauteile fehlen könnten, wie lange vorhandene Bestände reichen und welcher geplante Umsatz an den betroffenen Produkten hängt.
Respond ordnet Störungen nach ihrer möglichen Wirkung
Prewave Respond führt Risikosignale zu Situationen zusammen und priorisiert sie anhand ihrer möglichen Folgen für das Unternehmen. Eine Warnung über ein Erdbeben oder eine Unterbrechung bei einem Zulieferer bekommt damit erst durch die Verbindung zu konkreten Lieferanten, Materialien und Produkten wirtschaftliche Bedeutung. Ein großer Lieferant kann zunächst weniger dringlich sein, wenn ausreichend Bestand vorhanden ist; ein kleines Teil ohne Ersatzquelle kann dagegen eine ganze Produktlinie betreffen.
Wie die Eingrenzung betroffener Lieferanten auf der bestehenden Plattform aussehen kann, zeigt ein Beispiel der Vaillant Group: Bei einem Erdbeben in Kumamoto wurden laut VerkehrsRundschau rund 50 zunächst identifizierte Lieferanten auf elf reduziert, die näher geprüft werden mussten. Das ist ein Beispiel für die Eingrenzung einer Störung, kein gemessenes Ergebnis der neuen Umsatzberechnung von Respond. Es zeigt aber, weshalb die Zahl betroffener Lieferanten allein noch wenig über die tatsächliche Exposition aussagt.
Welche Daten für gefährdeten Umsatz zusammenkommen
Für eine Umsatzgröße muss die Verbindung vom gestörten Lieferanten bis zum verkauften Endprodukt nachvollziehbar sein. Die Stückliste zeigt, welches Bauteil in welcher Menge für welche Produktvariante gebraucht wird. Bestandsdaten geben an, wie viele passende Teile bereits verfügbar sind; Absatzplanung und Umsatzdaten bestimmen, welche Verkäufe in der möglichen Versorgungslücke liegen. Angaben zu alternativen Bezugsquellen verändern die Rechnung, sobald diese rechtzeitig liefern können.
Die zeitliche Abfolge ist ebenso wichtig wie die Mengen. Ein Teil im Lager kann die Fertigung nur bis zu dem Zeitpunkt decken, an dem es aufgebraucht ist; eine spätere Ersatzlieferung schließt die Lücke erst ab ihrem tatsächlichen Eintreffen. Für eine belastbare Schätzung muss daher klar sein, welche Bestände für das betroffene Produkt verwendbar oder bereits anderweitig gebunden sind und wie lange die Unterbrechung voraussichtlich dauert. Fehlt diese Zuordnung, kann aus derselben Störungsmeldung je nach Annahme ein sehr unterschiedlicher Betrag entstehen.
„Revenue at Risk“ ist in diesem Zusammenhang eine Schätzung des gefährdeten Umsatzes, kein bereits verbuchter Verlust. Ob ausgefallene Verkäufe später nachgeholt werden, wie Kunden reagieren oder welche Kosten eine beschleunigte Ersatzbeschaffung verursacht, sind weitere wirtschaftliche Größen. Für den Vergleich verschiedener Störungen müssen deshalb Betrachtungszeitraum, Absatzannahmen und die verwendete Umsatzgröße konsistent sein.
Eine hypothetische Rechnung macht die Lücke sichtbar
Ein ausdrücklich hypothetisches Beispiel zeigt den Mechanismus: Für ein Industrieprodukt wird täglich ein Bauteil pro Exemplar benötigt. Geplant sind 100 Verkäufe pro Tag zu jeweils 1.000 Euro. Fällt die einzige Bezugsquelle für insgesamt 30 Tage aus und reicht der verwendbare Bestand noch für zehn Produktionstage, bleiben unter diesen Annahmen 20 Tage ohne Deckung. Bei unveränderter Nachfrage wären täglich 100.000 Euro und insgesamt zwei Millionen Euro Umsatz gefährdet.
Diese Summe ändert sich, sobald sich eine der Eingaben ändert. Kann eine freigegebene zweite Bezugsquelle rechtzeitig einen Teil des Tagesbedarfs decken, wird der Bestand langsamer verbraucht. Trifft eine bereits bestellte Lieferung früher ein, verkürzt sich die Lücke. Ist ein Teil des Bestands hingegen für eine andere Produktvariante reserviert oder technisch nicht austauschbar, ist der verfügbare Puffer kleiner als der ausgewiesene Lagerstand.
Auch der angesetzte Umsatz verlangt eine eindeutige Grundlage. Ein geplanter Verkauf ist etwas anderes als ein bereits bestätigter Auftrag; ein Produktpreis allein sagt noch nichts über die tatsächlich nachgefragte Menge während der Unterbrechung. Die Beispielrechnung liefert deshalb eine nachvollziehbare Größenordnung nur unter ihren ausdrücklich genannten Annahmen. Ihr Wert für eine Entscheidung liegt darin, dass sich jede Veränderung des Ergebnisses auf Bestand, Nachfrage, Bezugsquelle oder Dauer zurückführen lässt.
Mehrere betroffene Teile bedeuten nicht mehrfachen Umsatz
Eine Gesamtsumme wird heikel, wenn mehrere fehlende Bauteile dasselbe Endprodukt blockieren. Fehlen im hypothetischen Fall zwei notwendige Komponenten zugleich, steht der Umsatz aus demselben nicht fertigstellbaren Produkt nur einmal auf dem Spiel. Eine bloße Addition der Einzelbeträge würde die Exposition überzeichnen. Die Rechnung muss deshalb gemeinsame Produkte, Stückzahlen und Zeiträume erkennen, bevor sie Komponentenwerte zusammenführt.
Ähnliches gilt für vorgelagerte Lieferanten. Eine Störung bei einem Hersteller kann mehrere direkte Bezugsquellen treffen, die am Ende dieselben Produkte versorgen. Umgekehrt mindert eine alternative Quelle das Risiko nur für die Mengen, die sie mit einem geeigneten Teil rechtzeitig liefern kann. Die entscheidende Frage für einen ausgewiesenen Gesamtbetrag ist somit, ob Überschneidungen und tatsächlich verfügbare Ersatzmengen in der Berechnung berücksichtigt sind.
Optimise verschiebt den Blick auf Vorsorgekosten
Während Respond aktuelle Störungen priorisiert, soll Optimise Investitionen in Sicherheitsbestände, zusätzliche Bezugsquellen und andere Absicherungen bewerten. Dafür reicht die Schätzung eines möglichen Umsatzrisikos allein nicht: Unternehmen müssen auch Kosten und Schutzwirkung der jeweiligen Maßnahme sowie ihre eigene Risikobereitschaft einordnen. Ein zusätzlicher Bestand kann eine kurze Lieferpause überbrücken, bindet aber Kapital; eine zweite Bezugsquelle hilft nur, wenn sie im relevanten Zeitraum tatsächlich liefern kann.
Der Beta-Status begrenzt, wie weit sich die angekündigte Planungsfunktion bereits beurteilen lässt. Für Respond ist die konkrete Prüfgröße eine an realen Störungen nachvollziehbare Zuordnung von Ereignis, Bauteilen, verfügbarem Bestand und gefährdetem Umsatz. Bei Optimise wird sich erst anhand entsprechend nachvollziehbarer Ergebnisse zeigen, wie überzeugend die Gegenüberstellung von Absicherungskosten und geschütztem Umsatz außerhalb der Beta-Phase gelingt.
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