Sieben von zehn Industriebetrieben verlieren entscheidendes Erfahrungswissen

|Autor: QUASA-Redaktion|5 Min. Lesezeit| 1
Sieben von zehn Industriebetrieben verlieren entscheidendes Erfahrungswissen

Die am 23. September 2026 veröffentlichte Octave-Befragung unter 756 Technologieentscheidern großer Betreiber industrieller Anlagen zeigt: Sieben von zehn Befragten sagen, ihre Organisation bewahre das für den künftigen Betrieb wichtigste Wissen nicht ausreichend. Der Befund beschreibt eine gefährdete Wissensweitergabe, bevor erfahrene Beschäftigte ausscheiden; einen bereits eingetretenen Verlust in sieben von zehn Betrieben misst die Umfrage nicht.

Die international erhobenen Antworten stammen von Unternehmen aus Fertigung, Öl- und Gaswirtschaft, Chemie, Stromwirtschaft und Pharma. Für Personal- und Betriebsverantwortliche ist die offene Frage damit konkret: Welche Kenntnisse bleiben nur in den Köpfen einzelner Fachkräfte, und was lässt sich vor deren Ruhestand noch verlässlich übertragen? Weil die veröffentlichende Firma Software für industrielle Anlagen verkauft, sind die Ergebnisse auch im Licht dieses Anbieterinteresses zu lesen.

Was die Zahl über den Wissensverlust aussagt

Die zentrale Kennzahl ist eine Selbsteinschätzung der befragten Entscheider. Sie sagt weder, dass in jedem betroffenen Betrieb bereits eine erfahrene Fachkraft ausgeschieden ist, noch dass eine bestimmte Anlage wegen fehlenden Wissens stillstand. Das gemeldete Versäumnis, Wissen für den späteren Betrieb zu bewahren, ist noch kein beobachteter Verlust nach einem Personalwechsel. Wie viel bei einer Nachbesetzung tatsächlich fehlt, wurde nicht gemessen.

Eine Auswertung von ASSEMBLY nennt für die Fertigung innerhalb der Erhebung präzisere Werte: 17 Prozent halten ihr kritisches Betriebswissen für vollständig dokumentiert, digitalisiert und standardisiert, 48 Prozent haben Kernprozesse festgehalten, aber nicht das feinere Erfahrungswissen, und knapp 32 Prozent geben kritisches Wissen informell durch mündliche Unterweisung oder Begleitung weiter. Diese Werte beschreiben Antworten aus der Fertigung; sie dürfen nicht als Quoten für alle befragten Industriezweige gelesen werden.

Die Trennung erklärt, warum ein gefülltes Handbuch die Lücke nicht automatisch schließt. Ein Ablaufplan kann den Normalfall korrekt beschreiben, während die Entscheidung bei einem seltenen Fehler von Geräuschen, Materialverhalten oder einer früheren Reparatur abhängt. Solche Hinweise sind oft schwer zu formulieren und werden bei der täglichen Arbeit nur dann sichtbar, wenn jemand nach dem Entscheidungsgrund fragt. Die Befragung zeigt damit ein Problem der Sicherung und Weitergabe; sie beweist keinen bestimmten finanziellen Schaden.

Wie sich gefährdetes Schlüsselwissen priorisieren lässt

Der KOFA-Leitfaden für KMU setzt bei der Personalsituation an: Wer geht wann in Rente, und welches erfolgskritische Wissen hängt an einer einzelnen Person? Diese Fragen lassen sich mit den Industriebefunden zu einem Risikoraster verbinden. Das Raster ist eine redaktionelle Ableitung für die betriebliche Einordnung, kein weiteres Ergebnis der Octave-Erhebung.

  • Austrittszeitpunkt: Bei einem nahen Ausscheiden bleibt wenig Zeit für gemeinsame Arbeit und Rückfragen. Ein längerer Vorlauf erlaubt, seltene Fälle zu sammeln und die Übergabe im Betrieb zu erproben.
  • Einzigartigkeit: Kennt nur eine Fachkraft die Eigenheiten einer Anlage oder die Ursache einer wiederkehrenden Abweichung, ist der Betrieb stärker von ihr abhängig als bei geteiltem Können.
  • Dokumentationsgrad: Vorhandene Anweisungen sind getrennt von Ausnahmen, Warnzeichen und Entscheidungsgründen zu betrachten. Eine vollständig beschriebene Routine kann neben undokumentierter Störungserfahrung bestehen.
  • Sicherheitswirkung: Wissen über Eingriffsgrenzen und gefährliche Fehlinterpretationen verdient Vorrang, weil sich eine unklare Übergabe hier schwerer korrigieren lässt als bei einer leicht behebbaren Routineabweichung.
  • Transfermethode: Stabile Schritte passen in geprüfte Anleitungen; situatives Urteil braucht eher ein strukturiertes Gespräch, Beobachtung am Gerät und eine Nachfolgeperson, die den Fall selbst beurteilt.

Ein solches Raster verändert die Reihenfolge der Übergaben: Vorrang erhält nicht die längste Dokumentation, sondern die Kombination aus baldigem Weggang, seltenem Wissen und hohem möglichen Schaden. Die Methode bleibt eine Priorisierung, keine mathematisch berechnete Ausfallwahrscheinlichkeit. Gerade für kleinere Betriebe im deutschsprachigen Raum ist diese Unterscheidung wichtig, weil die globale Stichprobe großer Unternehmen keine eigene Verlustquote für ihre Betriebsgröße liefert.

KI ordnet Wissen, ersetzt aber keine Erfahrung

KI kann gesprochene Schilderungen transkribieren, Störungsfälle nach Mustern ordnen und vorhandene Einträge leichter auffindbar machen. Sie braucht dafür eine brauchbare Grundlage: Beschäftigte müssen die entscheidenden Fälle schildern, und fachkundige Personen müssen prüfen, ob die Zusammenfassung Handlungen und Gründe richtig wiedergibt. Bleibt ein Warnzeichen unerwähnt, lässt sich seine Bedeutung aus einer Beschreibung des Normalablaufs nicht zuverlässig ableiten.

Bei einer Maschinenstörung könnte eine Fachkraft nach der Behebung per Spracheingabe festhalten, woran sie den Fehler erkannt, welchen Eingriff sie gewählt und welche Alternative sie verworfen hat. Das ist ein mögliches Vorgehen, kein gemessener Erfolg der Octave-Umfrage. Für sicherheitskritische Fälle reicht auch eine gut auffindbare Antwort allein nicht: Die Nachfolge muss erkennen können, wann die beschriebene Lösung gilt und wann sie eine erfahrene Person hinzuzieht.

Hinzu kommen Grenzen beim Umgang mit personenbezogenen Angaben und Betriebsgeheimnissen. Vor einer Verarbeitung durch externe Werkzeuge muss geklärt sein, welche Informationen hineingelangen dürfen. Der Nutzen der Technik hängt deshalb vom konkreten Wissensfall, der Qualität der Aufzeichnungen und einer fachlichen Freigabe ab, nicht allein von der Zahl gespeicherter Dateien.

Was nach der Veröffentlichung offenbleibt

Die Befragung macht eine breite Sicherungslücke unter großen Anlagenbetreibern sichtbar; die Fachauswertung zeigt sie für die Fertigung besonders beim undokumentierten Erfahrungswissen. Ob der Einsatz bestimmter Werkzeuge spätere Ausfälle vermeidet, lässt sich daraus nicht ableiten. Es fehlen eine gesonderte Auswertung für Betriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Beobachtungen dazu, ob Nachfolger seltene oder sicherheitsrelevante Situationen nach einer Übergabe tatsächlich beherrschen.

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