Deutschlands VC-Rekord täuscht: Sechs Runden vereinen drei Viertel des Geldes

|Autor: QUASA-Redaktion|5 Min. Lesezeit| 2
Deutschlands VC-Rekord täuscht: Sechs Runden vereinen drei Viertel des Geldes

Die KfW-Pressemitteilung vom 8. Oktober 2026 meldet für deutsche Start-ups im dritten Quartal mehr als 4,5 Milliarden Euro Wagniskapital, davon über 3,5 Milliarden Euro in sechs Runden mit jeweils mehr als 100 Millionen Euro – gut drei Viertel der Summe – und nur 89 Transaktionen ab einer Million Euro; KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher sagt dazu: „Allerdings konzentriert sich das Kapital derzeit auf immer weniger Unternehmen.“ Gemessen am investierten Volumen war es das stärkste Quartal seit Ende 2021.

Für den deutschen Wagniskapitalmarkt ist das ein Rekord mit enger Basis. Zwischen Juli und September floss außergewöhnlich viel Geld, doch wenige große Abschlüsse bestimmten das Ergebnis. Die sinkende Zahl der Runden ab einer Million Euro zeigt, warum die Quartalssumme allein keinen breiten Aufschwung beschreibt.

Sechs Megarunden tragen das Quartal

Die Einordnung von Netz Trends beziffert das gesamte Quartalsvolumen auf 4,513 Milliarden Euro und stellt ihm sechs Megarunden mit zusammen rund 3,5 Milliarden Euro gegenüber. Zwei dieser Runden aus den Bereichen Dual Use und Verteidigung lagen jeweils über einer Milliarde Euro. Damit konnten schon zwei Abschlüsse die Bilanz erheblich verschieben.

Nach Abzug der sechs größten Runden bleibt rechnerisch ungefähr eine Milliarde Euro für die übrigen erfassten Finanzierungen. Die Megarunden stehen also für einen großen Teil des Kapitals, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Transaktionen ausmachen. Die veröffentlichten Gesamtwerte ordnen diese Beträge keinen vollständigen Listen einzelner Unternehmen zu; aus öffentlich bekannten Finanzierungen lässt sich ihre Zusammensetzung deshalb nicht zuverlässig rekonstruieren.

Auch der Vergleich mit früheren Jahren bezieht sich auf das Volumen: In den ersten neun Monaten 2026 summierten sich die Investitionen auf rund 9,5 Milliarden Euro und lagen damit bereits über jedem der Gesamtjahre 2023 bis 2025. Der hohe Jahreswert folgt aus denselben großen Kapitalzuflüssen, die das dritte Quartal prägen. Er sagt für sich genommen wenig darüber, wie viele jüngere Unternehmen eine Runde abschließen konnten.

Die Zahl größerer Finanzierungen sinkt

Die Zahl deutscher Finanzierungsrunden ab einer Million Euro sinkt in den ersten drei Quartalen von 324 im Jahr 2024 auf 276 im Jahr 2026.

Das KfW-Venture-Capital-Dashboard zählt für das dritte Quartal insgesamt 140 Deals, aber nur 89 Runden mit berichtetem Volumen ab einer Million Euro. In der Gesamttabelle stehen auch 37 Abschlüsse ohne Größenangabe. Die häufig genannte Zahl 89 beschreibt somit eine enger abgegrenzte Gruppe und nicht sämtliche erfassten Finanzierungen.

Über die ersten drei Quartale 2026 kamen 276 Runden ab einer Million Euro zusammen. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es 304, im Jahr 2024 noch 324. Der Rückgang betrifft damit die Zahl vergleichbar abgegrenzter größerer Abschlüsse über mehrere Jahre. Ob weniger Start-ups Kapital suchten oder mehr bei der Suche scheiterten, lässt sich aus einer Statistik abgeschlossener Transaktionen nicht ablesen.

Für die Unternehmen, die eine Finanzierung erhielten, stieg dagegen die mittlere Rundengröße: Der Median lag 2023 bei 2,1 Millionen Euro und in den ersten drei Quartalen 2026 bei 4,3 Millionen Euro. Der Durchschnitt des bisherigen Jahres 2026 betrug 29 Millionen Euro und lag damit weit über dem Median. Diese Differenz zeigt den Einfluss sehr großer Runden auf den Mittelwert; der höhere Median beschreibt zugleich größere Beträge für die mittlere erfasste Runde.

Wachstumskapital überwiegt, Seed bleibt klein

Die KfW-Zahlen zeigen 3,297 Milliarden Euro für Scale-ups gegenüber 227 Millionen Euro für Seed-Finanzierungen.

Die Verteilung nach Entwicklungsphase macht sichtbar, welcher Teil des Marktes besonders viel Kapital erhielt. Im dritten Quartal flossen 3,297 Milliarden Euro in Scale-up-Finanzierungen ab Series C, rund 73 Prozent des Gesamtvolumens. Auf die Start-up-Phase mit Series A und B entfielen 989 Millionen Euro, auf Seed-Finanzierungen 227 Millionen Euro. Der größte Kapitalblock ging damit an Unternehmen in späteren Finanzierungsphasen.

Die Seed-Summe stieg gegenüber den 193 Millionen Euro des Vorquartals. Ihre Entwicklung verlief also nicht in jeder Hinsicht schwach, ihr Anteil am außergewöhnlich hohen Quartalsvolumen blieb jedoch klein. Ein Plus bei frühen Finanzierungen und eine starke Konzentration des Geldes auf Wachstumsrunden können gleichzeitig auftreten.

Die Phasen beschreiben unterschiedliche Finanzierungsanlässe. Seed umfasst Angel- und Seed-Runden; zu den späteren Wachstumsfinanzierungen zählen unter anderem Series C und folgende Runden. Eine große Transaktion in der Scale-up-Phase hebt die gemeinsame Quartalssumme stark an, ohne die Kapitalzufuhr in früheren Phasen im gleichen Maß zu verändern. Deshalb ist die Phasenverteilung für die Reichweite des Aufschwungs ebenso wichtig wie der Rekordwert.

KI vereint den größten Technologieanteil

KI-Start-ups vereinen 3,087 Milliarden Euro des deutschen Quartalsvolumens; zwei große Dual-Use- und Verteidigungsrunden gehören dazu.

In 61 Runden deutscher KI-Start-ups flossen im dritten Quartal 3,087 Milliarden Euro, rund 69 Prozent des gesamten Dealvolumens. Zu diesem Betrag gehören die beiden milliardenschweren Runden aus Dual Use und Verteidigung, deren Technologien maßgeblich auf KI beruhen. Seit Jahresbeginn summierten sich die erfassten KI-Investitionen auf rund 6,3 Milliarden Euro.

KI bezeichnet in dieser Auswertung ein branchenübergreifendes Technologiefeld. Ein Unternehmen kann daher zugleich als KI-Start-up und etwa als Verteidigungsunternehmen erfasst sein. Die Beträge für KI, Verteidigung und Scale-ups sind keine getrennten Töpfe, die sich zur Quartalssumme addieren ließen. Gerade die Überschneidung erklärt, warum dieselben großen Runden mehrere auffällige Kennzahlen prägen.

Die KI-Zuordnung folgt der Klassifikation des Datenanbieters Dealroom und umfasst Hard- und Software für Anwendungen wie maschinelles Lernen, Bild- und Sprachverarbeitung. Da es keine allgemeingültige Abgrenzung von KI-Start-ups gibt, können andere Erhebungen zu anderen Werten kommen. Innerhalb dieser Datengrundlage bleibt der Abstand zwischen KI-Finanzierungen und dem übrigen Markt deutlich.

Ein Großdeal verändert auch die Kapitalherkunft

Die Konzentration wirkt sich sogar auf die geschätzte Herkunft des investierten Geldes aus. Im dritten Quartal entfielen rund 43 Prozent des Volumens auf Investoren aus den USA; im Vorquartal waren es 29 Prozent. Eine Verteidigungsrunde von mehr als einer Milliarde Euro mit maßgeblicher US-Beteiligung erklärt einen großen Teil des Sprungs. Ohne diese Transaktion hätte der US-Anteil im dritten Quartal bei rund 20 Prozent gelegen.

Diese Herkunftsanteile sind Näherungen: Das Kapital einer Runde wird rechnerisch gleichmäßig auf die beteiligten Investoren verteilt, auch wenn ihre tatsächlichen Beiträge unterschiedlich sein können. Ein einzelner Großabschluss kann dadurch die ausgewiesene geografische Verteilung stark bewegen. Die nächste Quartalsauswertung wird zeigen, ob die Zahl der Finanzierungen ab einer Million Euro wieder steigt oder das hohe Volumen weiterhin von wenigen großen Runden abhängt.

Lesen Sie auch:

Teilen:

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie die neuesten Nachrichten zu Web3, KI und Krypto direkt in Ihren Posteingang.

0