
900.000 Pensionierungen: KI schließt die Schweizer Personallücke kaum

Eine am 22. Oktober 2026 veröffentlichte Berufsanalyse von Deloitte Schweiz zeigt: In den kommenden zehn Jahren erreichen rund 900.000 Erwerbstätige das Rentenalter, doch generative KI kann den daraus entstehenden Ersatzbedarf nur begrenzt abfedern. Das entspricht etwa einem Fünftel der heutigen Erwerbsbevölkerung. Besonders in Pflege, Handwerk und Verkehr bleiben Menschen für die Kernarbeit nötig, während KI vor allem begleitende Büroaufgaben beschleunigen kann.
In der Analyse von 279 Berufen nennt Deloitte knapp 22.000 Pflegefachpersonen ab 55 Jahren, rund 23 Prozent der Berufsgruppe; Chefökonom Michael Grampp warnt: «Die Schweiz darf KI nicht als einfache Antwort auf den demografischen Arbeitskräftemangel missverstehen.» Auch Gesundheitsassistenz, Bus- und Tramverkehr sowie Haushalts- und Reinigungsdienste haben hohe Anteile älterer Beschäftigter. Die Untersuchung verbindet diese Altersstruktur mit dem Potenzial heutiger KI-Systeme, berufliche Aufgaben zu unterstützen oder zu beschleunigen.
Warum die Lücke in der Pflege besonders hartnäckig ist
Die vielen älteren Beschäftigten in der Pflege zeigen, wo Nachfolge besonders wichtig wird. Die Altersgruppe ist dabei ein Indikator für künftigen Ersatzbedarf: Nicht alle über 55-Jährigen scheiden gleichzeitig aus, und aus ihrem Anteil lässt sich keine Zahl offener Stellen ableiten. Ähnliche demografische Spannungen betreffen Fahrdienste und Arbeiten, die persönliche Anwesenheit voraussetzen.
Generative KI kann Pflegekräften beim Formulieren von Dokumentation, bei der Suche nach Informationen oder bei der Planung helfen. Für die Betreuung kranker Menschen braucht es weiterhin Fachpersonen vor Ort; im Verkehr muss jemand Fahrgäste befördern, im Handwerk praktische Arbeit ausführen. Werden administrative Minuten eingespart, kann das die vorhandenen Teams entlasten. Es schafft aber keine vollwertige Ersatzkraft für eine Schicht, eine Fahrt oder einen Einsatz beim Kunden.
Damit verschiebt sich die Personalfrage in diesen Berufen nur teilweise. Betriebe können Abläufe vereinfachen, müssen aber weiterhin Nachwuchs gewinnen, Quereinstiege ermöglichen und erfahrene Beschäftigte halten. Auch die Ausbildung bleibt zentral, weil gerade die Kernaufgaben, für die Menschen gebraucht werden, nicht durch schneller erzeugte Texte oder Pläne erlernt werden.
Vier Konstellationen zwischen Ersatzbedarf und KI-Potenzial
Die Berufsanalyse kombiniert den Anteil der Beschäftigten ab 55 Jahren mit einem Index für das Transformationspotenzial generativer KI. In diesen Index fliessen Daten zur tatsächlichen KI-Nutzung und Einschätzungen ein, welche Aufgaben grosse Sprachmodelle beschleunigen können. Daraus ergibt sich eine Matrix für unterschiedliche Personalprobleme, keine Prognose, wie viele Stellen eine Maschine übernehmen wird.
- Hoher Ersatzbedarf, geringes KI-Potenzial: In Pflege, Teilen des Handwerks und Verkehr können digitale Hilfen die Organisation erleichtern. Für Betreuung, Fahrten und körperliche Arbeit braucht es aber neue oder weiterbeschäftigte Fachkräfte. Ausbildung und Bindung wiegen hier schwerer als die Automatisierung von Nebenaufgaben.
- Hoher Ersatzbedarf, hohes KI-Potenzial: Wo alternde Belegschaften auf gut unterstützbare Aufgaben treffen, kann die Neuordnung ganzer Abläufe Arbeitszeit freisetzen. Ob damit tatsächlich weniger Neueinstellungen nötig sind, hängt davon ab, welche Tätigkeiten anfallen und wie sich die Nachfrage entwickelt.
- Geringer Ersatzbedarf, hohes KI-Potenzial: Softwareentwicklung und Marketing stehen vor allem vor einem Aufgabenwandel. Hier kann KI Routinen beschleunigen, während der Druck durch Pensionierungen geringer ist. Personalplanung richtet sich stärker auf neue Fähigkeiten und Lernwege als auf das blosse Auffüllen ausscheidender Jahrgänge.
- Geringer Ersatzbedarf, geringes KI-Potenzial: Einzelne praktische, technische und dienstleistungsnahe Berufe stehen gemessen an beiden Merkmalen weniger unter unmittelbarem Veränderungsdruck. Die Nachfrage kann sich dennoch ändern, und innerhalb einer breiten Branche sind Berufe unterschiedlich betroffen.
Die Unterscheidung ist für die Schweiz besonders wichtig, weil die grossen Altersjahrgänge nicht gleichmässig über alle Berufe verteilt sind. Ein hohes KI-Potenzial dort, wo vergleichsweise wenige Menschen ersetzt werden müssen, gleicht offene Stellen in einer anderen Berufsgruppe nicht automatisch aus. Ein Programmierer kann mit KI produktiver werden; daraus folgt noch keine zusätzliche Pflegefachperson oder Busfahrerin.
In Büroberufen verändert KI auch den Einstieg
In Programmierung, Rechtsberatung, Übersetzung und Verwaltung kann generative KI einfache Routinen zunehmend unterstützen. Gerade über solche Aufgaben haben Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bislang Erfahrung gesammelt. Wenn diese Arbeit schrumpft, müssen Unternehmen andere Wege schaffen, damit Nachwuchskräfte fachliches Urteil und Verantwortung entwickeln können.
Für die Softwareentwicklung nennt die Untersuchung zugleich eine gegenläufige Möglichkeit: Weniger Routinecode kann mit mehr Nachfrage nach Lösungen einhergehen, in die KI-Modelle eingebaut und an konkrete Anforderungen angepasst werden. Deshalb ist ein Stellenabbau in Software- und Marketingberufen möglich, aber aus dem Transformationspotenzial allein nicht abzuleiten. Entscheidend ist, wie Betriebe Rollen umbauen und ob zusätzliche Leistungen nachgefragt werden.
900.000 erreichen das Rentenalter, 400.000 könnten fehlen
Die beiden Grössen beschreiben unterschiedliche Fragen. Das Schweizer KMU-Portal zur KOF-Einschätzung bezifferte im März 2026 die erwartete Lücke für die nächsten zehn Jahre auf rund 400.000 Arbeitskräfte. Die Deloitte-Zahl erfasst dagegen Menschen, die das Rentenalter erreichen, unabhängig davon, ob ihre Stelle neu besetzt wird oder wie sich Erwerbsbeteiligung, Zuwanderung und Produktivität entwickeln.
Für Arbeitgeber macht diese Differenz die Berufsstruktur wichtiger als die landesweite Summe. Eine frei werdende Stelle in der direkten Betreuung bleibt eine andere Aufgabe als eine durch KI beschleunigte Bürotätigkeit. Die konkrete Folge der neuen Analyse ist daher eine doppelte Planung: Personalnachfolge und Berufsbildung dort sichern, wo menschliche Präsenz unverzichtbar ist, und in wissensintensiven Tätigkeiten Arbeitsabläufe sowie Einstiegswege an die neuen Werkzeuge anpassen.
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