Europas EOGS nimmt Form an – ICEYE und Leonardo entwerfen rivalisierende Pläne

Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat am 17. September 2026 in Paris Verträge mit zwei Konsortien unter Führung von ICEYE und Leonardo geschlossen. Die von der Europäischen Kommission finanzierten Studien sollen konkurrierende End-to-End-Entwürfe für den künftigen EU Earth Observation Governmental Service (EOGS) liefern, wie die Mitteilung der ESA bestätigt.
Beauftragt ist damit die Planung eines staatlichen Erdbeobachtungsdienstes, nicht der Bau oder Betrieb einer fertigen Satellitenflotte. Offen sind unter anderem die endgültige Architektur, das Beschaffungsvolumen, die Aufteilung zwischen vorhandenen und neuen Kapazitäten sowie die spätere operative Verantwortung.
Zwei Studien decken die gesamte Dienstkette ab
ICEYE und Leonardo sollen jeweils Optionen entwickeln, die von den Anforderungen autorisierter Nutzer über Satelliten und Sensoren bis zu Bodeninfrastruktur, Datenverarbeitung, Verteilung und Governance reichen. Der Auftrag betrifft damit nicht nur die Auswahl von Raumfahrzeugen, sondern das Zusammenspiel aller technischen und organisatorischen Ebenen.
Das Wort „rivalisierend“ beschreibt zwei getrennte Entwurfspfade: Beide Konsortien können unterschiedliche Antworten auf dieselben Anforderungen vorlegen. Aus der parallelen Vergabe folgt jedoch nicht, dass später zwingend eines der Teams den gesamten Dienst bauen oder betreiben wird. Die ESA spricht bislang von Architekturstudien und Optionen für eine künftige Umsetzung.
Die Arbeiten gehören zu Element 1 des ESA-Programms European Resilience from Space for Earth Observation (ERS-EO), das beim ESA-Ministerrat im November 2025 beschlossen wurde. Dieses Element bereitet EOGS anhand der von der Europäischen Kommission definierten Nutzer- und Sicherheitsanforderungen vor. Die eigentliche EOGS-Umsetzung ist für den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der EU ab 2028 vorgesehen.
ARISE verbindet vorhandene Kapazitäten in einem föderierten Modell
Der ICEYE-geführte Entwurf heißt ARISE, kurz für Architecture for Resilient and Federated ISR in Sovereign Europe. Zum Kernteam gehören Indra Space, Rheinmetall und HISDESAT. Ergänzt wird es durch Starion, T-Systems, SafranAI, Rheinmetall ICEYE Space Solutions, Creotech Instruments und CTI Aeroespacial; FSO Instruments, OroraTech und Unseenlabs leisten spezialisierte Beratung.
Die Beschreibung des ARISE-Auftrags nennt eine Laufzeit von zwölf plus acht Monaten. Definiert werden sollen Weltraum-, Boden- und Nutzersegment, Einsatzkonzept, Sicherheitsmodell und Governance; die Ergebnisse sollen die EOGS-Umsetzung im EU-Finanzrahmen 2028 bis 2034 vorbereiten.
ARISE setzt auf eine föderierte Struktur, in der nationale, institutionelle und kommerzielle Fähigkeiten in einen gemeinsamen Betriebsrahmen eingebunden werden. Das Konsortium vereint dafür unter anderem Radar-Erdbeobachtung, sichere Dateninfrastruktur, Systemakkreditierung, Analyse und Missionsentwicklung. Welche bestehenden Systeme tatsächlich übernommen und welche Komponenten neu entwickelt werden, ist noch nicht festgelegt.
Leonardo prüft Lücken, Leistung und Kosten
Auch das Leonardo-Konsortium soll eine souveräne, resiliente und föderierte Gesamtarchitektur entwerfen. Es umfasst Telespazio, Thales Alenia Space und e-GEOS sowie OHB, GAF, HiTec, Alioth, CEiiA, Argotec, Satlantis, KPLabs, AIKO und SITAEL. Die Partner stammen aus Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Luxemburg, Portugal und Polen.
Nach der Darstellung des Leonardo-Auftrags beginnt die Studie mit den operativen Bedürfnissen von Sicherheits- und Verteidigungsnutzern sowie einer Lückenanalyse vorhandener Fähigkeiten. Anschließend sollen Varianten nach Leistung, Resilienz, Reaktionsfähigkeit und Bezahlbarkeit bewertet werden. Dabei will das Team gegenwärtige und künftige nationale, institutionelle und kommerzielle Ressourcen miteinander verbinden.
Die veröffentlichten Informationen erlauben noch keinen technischen Vergleich der beiden Zielarchitekturen. ARISE betont seine breite Koalition aus Betreibern sowie Sicherheits- und Dateninfrastrukturanbietern; Leonardo stützt sich auf die Kompetenzen seiner Space Alliance und ein Netzwerk europäischer Raumfahrtunternehmen. Konkrete Satellitenzahlen, Orbitkonfigurationen oder verbindliche Arbeitsteilungen liegen für keinen der beiden Entwürfe vor.
EOGS soll mehr als eine Satellitenkonstellation werden
Der geplante Dienst soll der EU und ihren Mitgliedstaaten sichere, verlässliche, zeitnahe und möglichst kontinuierliche Erdbeobachtungsinformationen für Sicherheit, Verteidigung, Krisenreaktion und Lagebewusstsein bereitstellen. Beobachtet werden sollen Entwicklungen an Land, auf See und in der Atmosphäre.
Vorgesehen ist ein „System von Systemen“: Neben Satelliten gehören Bodenanlagen, Datenbestände, Verarbeitungskapazitäten, Verteilungsinfrastruktur und kontrollierte Nutzerzugänge zum Konzept. Kommerzielle Dienste und von Mitgliedstaaten bereitgestellte Fähigkeiten können mit ergänzenden Komponenten verbunden werden, die eigens für die EU entwickelt werden und ihr gehören.
Für Deutschland und Österreich ist deshalb nicht nur die spätere Beschaffung neuer Satelliten relevant. Entscheidend wird auch, nach welchen technischen, rechtlichen und sicherheitsbezogenen Regeln nationale oder kommerzielle Ressourcen in den gemeinsamen Dienst eingebunden werden. Die Studienverträge legen weder solche nationalen Beiträge noch deren Umfang fest.
Die Beschaffungsentscheidungen folgen erst später
Die ESA erwartet die Studienergebnisse 2027. Sie sollen der ESA und der Europäischen Kommission belastbare Architekturvarianten liefern, setzen aber noch keine davon in Betrieb. Erst auf dieser Grundlage können Entscheidungen über Finanzierung, Entwicklung, Beschaffung, Eigentum und operative Zuständigkeiten getroffen werden.
Nicht veröffentlicht wurden die Vertragswerte und ein detaillierter Zeitplan des Leonardo-Teams. Ebenso offen bleibt, wie die bei ARISE genannten zwölf plus acht Monate vertraglich auf einzelne Phasen verteilt sind. EOGS nimmt damit als geplante Gesamtarchitektur Form an; eine bestellte Konstellation oder ein einsatzbereiter Regierungsdienst ist das Vorhaben noch nicht.
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