Roman vor dem Start: Das Teleskop sieht 100-mal mehr Himmel als Hubble

Das Nancy Grace Roman Space Telescope hat am 28. August 2026 die abschließende Startbereitschaftsprüfung von NASA und SpaceX bestanden. Der Start ist für den 30. August um 11:26 Uhr UTC, entsprechend 13:26 Uhr MESZ, mit einer Falcon Heavy vom Launch Complex 39A des Kennedy Space Center in Florida angesetzt. Die Startfreigabe der NASA nennt zugleich eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent für günstiges Wetter.
Roman ist damit startbereit, aber noch nicht gestartet: Wetter und technische Kontrollen können den Countdown weiterhin unterbrechen. Eine aktuelle Startvorschau von Axios bestätigt den geplanten Falcon-Heavy-Flug und ordnet die beiden Instrumente ein, darunter die Weitfeldkamera mit einem rund 100-mal größeren Sichtfeld als Hubble. Nach dem Start soll das Observatorium zum zweiten Sonne-Erde-Lagrange-Punkt L2 fliegen.
Was die Startfreigabe bedeutet

Beim Launch Readiness Review wurden die Rakete, das Observatorium, die beteiligten Teams und die Wetterbedingungen gemeinsam bewertet. Das positive Ergebnis erlaubt den Übergang in den Countdown. Es garantiert jedoch weder den Start zur Zielzeit noch einen erfolgreichen Flug.
Die Falcon Heavy soll Roman auf eine Transferbahn in Richtung L2 bringen. Von einer Umlaufbahn um diesen Punkt aus kann das Observatorium Sonne, Erde und Mond in derselben allgemeinen Richtung halten. Das erleichtert die Abschirmung vor Licht und Wärme und schafft stabile Bedingungen für lang angelegte Beobachtungsprogramme.
Auch nach der Trennung von der Rakete wäre Roman noch nicht wissenschaftlich einsatzbereit. Zunächst müssen sich Komponenten entfalten, die Systeme überprüft und die Instrumente kalibriert werden. Der Start beendet deshalb nur die Entwicklungs- und Vorbereitungsphase; erst die Inbetriebnahme im All entscheidet, ob das Teleskop die geplante Leistung erreicht.
Warum das 100-mal größere Sichtfeld zählt

Roman und Hubble besitzen Hauptspiegel mit demselben Durchmesser von 2,4 Metern. Der greifbare Unterschied liegt in der Fläche, die Roman mit dem Wide Field Instrument in einer Aufnahme erfasst: Sie ist mindestens 100-mal größer als bei Hubble, bei vergleichbarer Empfindlichkeit und Bildschärfe im nahen Infrarot. Gemeint ist also nicht, dass Roman jedes Objekt hundertmal größer oder genauer sieht, sondern dass eine einzelne Aufnahme wesentlich mehr Himmel abdeckt.
Diese Breite ist für statistische Himmelsdurchmusterungen entscheidend. Hubble kann kleine Felder und einzelne Ziele detailliert untersuchen; Roman soll große Regionen wiederholt nach einheitlichen Kriterien aufnehmen. So entstehen umfangreiche, vergleichbare Stichproben von Galaxien, Sternen, Supernovae und kurzzeitigen Helligkeitsänderungen.
Bei der Erforschung Dunkler Energie kommt es gerade auf solche Stichproben an. Forschende wollen unter anderem untersuchen, wie Galaxien über große Entfernungen verteilt und durch Gravitationslinsen verzerrt erscheinen und wie sich die kosmische Expansion im Lauf der Zeit verändert hat. Ein weites, einheitlich beobachtetes Feld hilft dabei, lokale Besonderheiten von großräumigen Mustern zu trennen.
Das größere Sichtfeld macht Roman deshalb nicht pauschal zu einem besseren Teleskop als Hubble. Es verschiebt den Schwerpunkt von gezielten Einzelbeobachtungen zu systematischen Bestandsaufnahmen. Hubble kann anschließend interessante Objekte mit anderer Wellenlängenabdeckung und höher aufgelöster Spektroskopie untersuchen.
Roman, Hubble und Webb erfüllen verschiedene Aufgaben

Auch gegenüber dem James Webb Space Telescope ist Romans Vorteil vor allem die Breite. Die NASA-Gegenüberstellung von Roman und Webb beziffert Romans Bildfläche auf das 50-Fache, während Webb dank seines 6,5-Meter-Spiegels weiter ins Infrarote blickt und lichtschwache Ziele mit höherer Detailauflösung untersucht.
Damit ergänzen sich die Observatorien. Roman kann große Himmelsbereiche effizient durchsuchen und seltene Objekte oder vorübergehende Ereignisse aufspüren. Webb kann ausgewählte Funde anschließend tiefer untersuchen; umgekehrt kann Roman den großräumigen Kontext um bereits von Webb beobachtete Ziele liefern.
Die Unterschiede zeigen, warum die Größe eines Sichtfeldes nicht mit allgemeiner Überlegenheit gleichzusetzen ist. Für eine einzelne extrem weit entfernte Galaxie kann Webbs größere Lichtsammelfläche wichtiger sein. Für die Verteilung sehr vieler Galaxien oder die Häufigkeit verschiedener Planetentypen zählt dagegen, wie viele vergleichbare Objekte ein Instrument in begrenzter Beobachtungszeit erfassen kann.
Zwei Instrumente teilen sich die Mission
Das Wide Field Instrument trägt den größten Teil der geplanten Durchmusterungen. Die Mehrbandkamera beobachtet vor allem im nahen Infrarot und liefert sowohl Bilder als auch Spektraldaten. Dadurch lassen sich Positionen und Formen astronomischer Objekte erfassen sowie Informationen über Entfernungen und physikalische Eigenschaften gewinnen.
Für die Suche nach Exoplaneten soll das Instrument wiederholt in Richtung des dicht bevölkerten Zentrums der Milchstraße blicken. Bei der sogenannten Mikrolinsen-Methode verstärkt die Schwerkraft eines Vordergrundsterns vorübergehend das Licht eines weiter entfernten Sterns. Ein Planet beim Vordergrundstern kann in diesem Helligkeitsverlauf ein zusätzliches Signal hinterlassen; auf diese Weise lassen sich auch Welten in größeren Bahnen oder ohne eigenen Stern statistisch erfassen.
Das Coronagraph Instrument verfolgt ein anderes Ziel. Es soll das Licht naher Sterne mit Masken, verformbaren Spiegeln und präziser Wellenfrontkontrolle unterdrücken, damit schwächere Planeten und Staubscheiben in ihrer Umgebung sichtbar werden. Der Koronograf ist als Technologiedemonstration ausgelegt: Er soll Verfahren erproben, die später bei der direkten Abbildung kleinerer Planeten helfen könnten.
Was vor dem wissenschaftlichen Betrieb offenbleibt
Der nächste entscheidende Punkt ist das tatsächliche Abheben der Falcon Heavy. Die Freigabe bestätigt, dass NASA und SpaceX zum Zeitpunkt der Prüfung bereit waren; sie schließt eine wetterbedingte Verschiebung oder einen Abbruch des Countdowns nicht aus.
Nach einem erfolgreichen Start folgen der Flug zu L2, das Entfalten des Observatoriums sowie Tests und Kalibrierungen. Erst dann kann der reguläre wissenschaftliche Betrieb beginnen. Ob Roman die erwarteten Messreihen zu Dunkler Energie und die geplanten Exoplaneten-Durchmusterungen liefert, lässt sich daher nicht aus der Startbereitschaft ableiten, sondern erst anhand der Daten aus dem All beurteilen.
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